Die Faszination des
Weihnachtsfestes
Von Weihnachten geht eine
Faszination aus, die wir mit unserem Verstand nur schwer begreifen können.
Wir spüren, wie da mit diesem Fest ganz verschiedene Lebensbereiche
zusammenkommen, die sonst oft nur nebeneinander existieren: Die sichtbare
und die unsichtbare Welt, Vernunft und Glaube.
Jedes Jahr bin ich erneut
fasziniert von dem Reichtum der Weihnachtsgeschichte. Keine andere
Geschichte hat in ihrer Wirkung als „Leitbild“ so stark den Wert der
„Familie“ beeinflusst. So wird Weihnachten auch als „Fest der Familie“
deklariert. Maria, Josef und Jesus: Ich glaube, keine andere Familie wurde
in der Geschichte der Menschheit, in der Kunstgeschichte so oft
abgebildet. Keine andere Familie ist so bekannt wie diese drei. Keine
andere Familie lädt so viele Menschen ein, sich auf den Wert einer Familie
zu besinnen.
Weihnachten ist aber auch das
„Fest der Gefühle“. Ich denke an das sonntägliche Singen im Advent an der
Weihnachtspyramide auf dem Kirchplatz oder an den „Lebendigen
Adventskalender“ bei den Gastgebern. Die Lieder, die wir wieder singen
werden: „Oh Tannenbaum“, „Ihr Kinderlein kommet“, „Tochter Zion“, „Süßer
die Glocken nie klingen“, „Kling Glöckchen, klingelingeling“, „Oh du
fröhliche“. Lieder, die starke Bilder vor unsere Augen malen. Sie gehen
uns tief unter die Haut, wecken Gefühle, die wir uns sonst nicht erlauben,
bringen auch unsere Gedanken in Bewegung.
Gefühl und Verstand werden
zugleich angeregt. Gibt es eine andere Zeit im Jahr, in der wir in aller
Öffentlichkeit gemeinsam so sentimental und gefühlvoll sind? Die große
Zahl an Lichterketten gehört dazu. Das Entzünden der Kerzen am
Adventskranz, im Schein des Kerzenlichtes zusammenzusitzen. Der Duft
selbst gebackener Kekse. Der noch frische Geruch der Tannennadeln, wenn
der Weihnachtsbaum im warmen Zimmer aufgestellt wird.
Noch etwas Drittes kommt hinzu:
Weihnachten ist das „Fest des Friedens“ und des Wohlergehens.
Wahrscheinlich sind wir an keinem anderen Tag im Jahr so vereint in dem
Wunsch nach Frieden und Harmonie. „Ausgerechnet zum Weihnachtsfest“, sagen
wir, wenn wir mit Kriegs- und Bildern des Terrors im Fernsehen
konfrontiert werden, oder wenn Naturkatastrophen zum tragischen Schicksal
für Menschen und Tiere werden. „Musste das denn noch vor Weihnachten
sein?“ So fragen wir, wenn wir vor dem Fest mit schlechten Nachrichten
konfrontiert werden.
Das Wichtigste jedoch, was
Weihnachten so einzigartig macht ist, dass sich scheinbare Gegensätze
zueinander fügen. Wenn wir uns als Erwachsene wieder einmal wie ein Kind
fühlen dürfen, wenn es ausgerechnet ein Kind ist, in dem sich Gott den
Menschen zu erkennen gibt, dann wird der Gegensatz von Kindsein und
Erwachsensein aufgehoben.
Wenn die Weisen aus dem
Morgenland ausgerechnet drei Wissenschaftler sind, die den Weg zum Stall
finden, und dort dann – als Vertreter der unsichtbaren Welt – Engel auf
sie warten, dann kommen auch Glaube und Vernunft zusammen.
Albert Einstein hat einmal
gesagt: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es
ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst
steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen
kann, der ist sozusagen tot. Und sein Auge ist erloschen. Wissenschaft
ohne Religion ist lahm. Religion ohne Wissenschaft blind.“
Die Weihnachtsgeschichte ist
voll an Symbolik und heilenden Bildern. Mit unserem Verstand allein ist
sie nicht zu begreifen. Weihnachten hat auch deshalb eine so große Kraft,
weil unser Verstand nicht ausgeschlossen wird. Der Stern, der die Weisen
nach Bethlehem führt, symbolisiert die Wissenschaften, die Astronomie. Er
steht für die Größe und Unendlichkeit des Universums. Für alle Versuche
der Menschen, das Unendliche zu begreifen. „Weißt du, wie viel Sternlein
stehen?“ Die bisherige Antwort lautet 10²², oder 100 Milliarden mal 100
Milliarden. Mit dem Weltraumteleskop Hubble hat man das vor einigen Jahren
herausgefunden. Als Frage bleibt aber, warum sich das Universum immer
schneller ausdehnt? Die uns bekannte Materie macht nur 4 % des Universums
aus. Die Natur der restlichen 96 % bleibt bislang rätselhaft.
Das Kind in der Krippe dagegen
symbolisiert das Menschliche, das Verletzbare und das Schwache. Das Kind
nimmt uns mit in die Welt der Gefühle. Das Kind lädt uns ein, den Wert von
Geborgenheit, Wärme und Liebe zu fühlen. So möge es auch in diesem Jahr
wieder „Weihnachten“ werden in Ihren Familien, mit einer liebevollen
Atmosphäre und Zeit füreinander. Möge Ihnen ein Gefühl für Weihnachten
geschenkt werden durch die liebgewordenen Lieder, durch Schenken und
Beschenktwerden, durch Kerzenschein, Gänsebraten und Pfefferkuchen.