Die St. Ludgeri Kirche

Des Uhrwerks neue Kleider

„Der Mensch besitzt nichts Wertvolleres als seine Zeit“, sagte vor vielen Jahren Ludwig van Beethoven. Richtig - und ICH zähle die Stunden. Mein Skelett ist aus Gusseisen, damit ich möglichst alle Schwingungen gut dämpfen kann. Meine Gelenke und Räder wurden aus einem speziellen Lagermessing hergestellt, damit sich meine Wellen frei von Schmiermitteln bewegen können. Denn Staub, der auf dem Fett haften bleibt, würde meinen Körper bald verschleißen lassen. Ich wurde vor 114 Jahren geboren. Seitdem zeige ich allen Leuten, die zu mir hinaufsehen, wie spät es ist.

Es ist eine wichtige Aufgabe in der heutigen termingetriebenen Welt. Jede Minute zählt! Darum muss ich immer sehr genau arbeiten. Jede falsche Anzeige nimmt man mir übel; und ich würde bald ausgetauscht werden gegen eine neue elektronische Maschine. Wöchentlich zweimal bekomme ich neue Kraft, d. h. meine Gewichte werden wieder nach oben gezogen. Die vielen Jahre wohnte ich in einem Verschlag im Kirchturm der St. Ludgeri-Kirche in Ehmen. Vor einem halben Jahr hat sich nun Herr König von der Fa. Glasbau König bereit erklärt, Fenster zu spenden! Günther Franzkowiak und Karl Nachbar vom Männerkreis bereiteten alles vor für das neue Kleid: Sie verlegten die Betätigung der großen Glocke, schnitten aus den Holzwänden die Öffnungen für die Scheiben aus, fertigten

rechtwinklige Rahmen an und putzten mich von oben bis unten. Endlich wurden die Scheiben geliefert und von Fa. König eingesetzt. Jetzt kann mich jeder in meiner ganzen Pracht von außen betrachten! Danke Herr König!

Jetzt werde ich mich besonders bemühen, noch viele Jahre für alle die richtige Zeit anzuzeigen.


Gerald Schaebs (für die Uhr, die selber nicht tippen konnte)

 

 

Wie ist das eigentlich mit den Glocken in unserer Kirche?

Glocken können faszinieren. Sie begleiten uns durch unser Leben. Den einen regt ihr „Gebimmel“ auf, für andere sind sie einfach da und laden als hörbare Zeichen zu den Gottesdiensten ein. Glocken hängen auf Kirchtürmen. Man hört sie, doch sehen kann man die meisten nicht. Wer einmal die Glockenstube in unserem Kirchturm bestiegen hat, ist meistens fasziniert wieder hinabgestiegen. Das ist wohl so, weil Glocken zu unserem Leben gehören.

Sie teilen Freud und Leid. Das kirchliche Glockengeläut ist Bestandteil des gottesdienstlichen Lebens. Es wird als Signal, als hörbares Zeichen für die einzelnen Gottesdienste und zur Aufforderung zu Gebet und Fürbitte an festen Gebetszeiten verwendet. Um diese besondere Funktion nicht zu verunklaren, ist eine Verwendung zu anderen Zwecken ausgeschlossen. In der Zeit des Nationalsozialismus haben Erfahrungen gezeigt, wie schnell ein beliebiger Einsatz von Glocken zum Missbrauch führen kann.

 

Das Glockengeläut wurde im Zusammenhang mit Sondermeldungen und Menschenehrungen verwendet. Ein Einsatz der Glocken im Katastrophenfall (wie z. B. bei der Flutkatastrophe in Hamburg Anfang der 60er Jahre) geschieht nicht in eigener Vollmacht der Kirche, sondern auf Veranlassung durch staatliche Stellen in Absprache mit dem jeweiligen Krisenstab (sog. „Polizeigeläut“).

 

Die Ehmer Kirche hat drei Bronzeglocken. Die kleinste von ihnen (Ø 40 cm) befindet sich in der Laterne, unterhalb des hohen, spitzen Turmhelms. Sie wurde 1897 von der Firma J. Fr. Weule (Bockenem am Harz) hergestellt und wird durch Seilzug zur halben und zur vollen Stunde angeschlagen. Die Glockenstube des Turmes ist durch große Luken wetterdicht geschlossen. Sie ist mit einem eisernen Glockenstuhl ausgestattet und hier befinden sich die zwei anderen Glocken. Die ältere (Ø 97 cm /g‘) wurde aus der Vorgängerkirche übernommen.

Über ihre Entstehungsgeschichte gibt eine zweizeilige Inschrift am unteren Rand Auskunft. Sie lautet: „Diese Klocke ist A(nn)o 1626 von den Saldaten aus der Ehmer Kirche geraubet ihne aber zu Braunswich wieder abgenomen und A(nn)o 1655 zu Flechtorf auf der Ehmer Kosten: D: M: / Carsten Hustede aus Luneburg umbgosen. Der liebe Got behute ferner vor Ungluck.“

Die große, jüngste Glocke (Ø 1,15 cm /e‘) trägt die Aufschriften „O / Land / Land / Land / höre des Herrn Wort. Js. 22/29“ sowie „Selig sind die Gottes Wort hören und bewahren. Lukas 19/28“. Sie wurde, wie Jahreszahl und Firmensignet ausweisen, 1961 in der Werkstatt von F. W. Schilling (Heidelberg) gegossen. Die Glocke ersetzt zwei ältere, die beide 1897 und 1918 ebenfalls von der Firma Weule hergestellt wurden, aber in den Weltkriegen geopfert werden mussten. Auf der großen Glocke ertönen heute um sechs, zwölf und 18 Uhr jeweils neun Schläge.

Um den Gebrauch der Glocken zu unterschiedlichen Anlässen zu regeln, hat der Kirchenvorstand eine Läuteordnung beschlossen. Sonnabends wird um 18 Uhr mit beiden Glocken 10-minütig der Sonntag eingeläutet. Zum sonntäglichen Hauptgottesdienst ruft die „Kleine Glocke“ eine halbe Stunde vorher. Um 10 Uhr beginnt  dann der Gottesdienst mit dem „Hauptläuten“ beider Glocken. In anderen Gemeinden läutet es vor 10 Uhr und dann ist es sozusagen ein nochmaliges Rufen, bei uns läuten die Glocken den Gottesdienst ein. Eigentlich ist es nicht üblich, die Glocken nach einem Gottesdienst zu läuten. In Ehmen ist es aber Brauch, sodass der Kirchenvorstand beschlossen hat, diese Gepflogenheit des „Ausläutens“ von Hauptgottesdiensten und der Trau- und Taufgottesdienste aufrecht zu erhalten.

Hohe kirchliche Feiertage wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten werden zusätzlich am Tag vorher um zwölf Uhr mit beiden Glocken eingeläutet. Karfreitag schweigen alle Kirchenglocken.

Die mittwochs um 19 Uhr stattfindende Taizé-Andacht im Altarraum unserer Kirche wird mit der „Kleinen Glocke“ eingeläutet.

Sterbefälle in unserer Kirchengemeinde werden mit dem 10-minütigen Geläut der „Kleinen Glocke“ um 9 Uhr angezeigt. Das „Sterbeläuten“, das auf den Tod eines Gemeindegliedes aufmerksam macht, möchte zur Fürbitte für den Verstorbenen und die Angehörigen auffordern. Bei Beerdigungen auf unseren Friedhöfen erfolgt ein 15minütiges Weggeläut mit beiden Glocken, das den Gang von der Kapelle zur Grabstätte begleitet.

Das neue Jahr wird in der Silvesternacht mit einem 10-minütigen Geläut beider Glocken eingeläutet. Manchmal wird gefragt, warum um 6, 12 und 18 Uhr jeweils neun Schläge ertönen. Diese neun Anschläge auf der großen Glocke sind auf eine alte mönchische Gebetstradition zurückzuführen. Sie beziehen sich auf das Vaterunser (Anrede, sieben Bitten und Schluss) und fordern uns auf, das Gebet Jesu mit zu beten, um Vergebung von Schuld zu bitten und anderen zu vergeben. Das im Gottesdienst gemeinsam gesprochene „Vaterunser“ werden wir in Zukunft mit dem Geläut der Kleinen Glocke begleiten.

In der Läuteordnung wird auch die Zeitdauer des Läutens fixiert. Vor-, Haupt- und Ausläuten sollen nicht länger als fünf Minuten dauern. So begleiten auch bei uns in Ehmen Glocken unser Leben und läuten zu besonderen kirchlichen Festen und Anlässen im Jahreskreislauf. Sie rufen uns zu Gott und sagen uns auch unter der Woche, dass er da ist und unser Leben begleitet.

Jeder Stundenschlag kann uns die alte biblische Einsicht bewusst machen: „Meine Zeit steht in deinen Händen“ (Psalm 31, Vers 16).

 

 
 

Nachfolgend finden Sie einen kleinen Kirchenführer.

Wir möchten alle neugierig machen - Neuzugezogene und "alte Hasen" - vielleicht entdecken auch langjährige Gemeindemitglieder noch unbekannte Details...

 

Wer war eigentlich der Architekt der neugotischen St. Ludgeri – Kirche?

 

Dipl.-Ing. Eduard Wendebourg (* 1857; + 1940)

Am 25. Mai 1896 begann der Abbruch der mittelalterlichen Kirche von Ehmen. Bald darauf entstand die neugotische, heute noch vorhandene St. Ludgeri-Kirche. Mit ihrem hoch aufragenden Turm ist der Ziegelsteinbau eine weithin sichtbare, vom christlichen Glauben zeugende Landmarke. Im Kunstdenkmalband des Kreises Gifhorn, zu dem der Ort Ehmen 1931 noch gehörte, heißt es dazu lediglich kurz und knapp:„Die ehemalige, aus romanischer Zeit stammende Kirche in Ehmen wurde 1895 – 97 durch einen Backsteinrohbau in gotischen Formen nach den Plänen des Architekten Wendebourg aus Hannover ersetzt.“

 

1. Herkunft und Schulzeit:

Der Baumeister Eberhard Julius Eduard Wendebourg wurde als drittes von neun Kindern des Pfarrerehepaares Hermann Wendebourg (*1818; + 1898) und Henriette Auguste, geb. Boes (*1824;+ 1918), am 23.09.1857 in Lewe-Liebenburg/Kr. Goslar geboren. Sein Vater stammte aus einer weit verzweigten Pastorenfamiele, der auch die derzeitige Pastorin der Wolfsburger St. Annen-Gemeinde, Dr. Nicola (Piper-) Wendebourg, angehört.

Die mütterliche Famile Boes, wuchs im Hoffmann-Haus in Fallersleben auf. Der berühmte Dichter war ihr Onkel. Ihr Vater, Fritz Boes (*1792 ; +1878), hatte 1821 die Schwester des Germanisten, Dorothea Hoffmann (*1800; + 1883), geheiratet und Geschäft sowie Haus der Familie Hoffmann übernommen und weitergeführt. Diese engen familiären Verflechtungen zum Fallersleber Raum sind sicherlich bei der Architektenwahl in Ehmen nicht unerheblich gewesen, zumal zwischen den am Kirchenneubau beteiligten Firmen und den Familien Hoffmann/Boes nicht nur geschäftliche, sondern auch gesellschaftliche Beziehungen bestanden. Der Autor bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Frau Brigitte Blankenburg, Hoffmann – Gesellschaft Fallersleben.

 

Eduard Wendebourg wuchs in einem großen Geschwisterkreis auf. Trotz der ländlichen Abgeschiedenheit von Lewe-Liebenburg, waren die Eltern bestrebt, das Pfarrhaus stets für auswärtige Gäste offen zu halten. Auf diese Weise pflegten sie ein reiches geistiges Leben. Unter anderem hielt sich der Germanist und Dichter des Liedes der Deutschen (Nationalhymne) August Heinrich Hoffmann von Fallersleben oft in Lewe-Liebenburg auf. Dabei führten ihn aber nicht nur verwandtschafliche Bindungen, sondern das Interesse an der Gestaltung deutscher Liedtexte mit dem Vater des späteren Architekten zusammen. Hermann Wendebourg gilt nämlich als „Vater des Hannoverschen Gesangbuches“.

Der junge Eduard genoss zunächst eine stark musisch-protestantisch ausgerichtete Erziehung. Er besuchte von 1864 bis 1872 die vom Vater gegründete Privatschule in Liebenburg. Ziel war es hier, auf eine christlich orientierte und sittlich gefestigte Lebensführung der Schüler hinzuwirken. Diese Grundlagen haben Eduard Wendebourg Zeit seines Lebens geprägt. Sie hat er später auch an seine Kinder weitergegeben.

Seit Ostern 1872 besuchte Eduard Wendebourg das Gymnasium in Wolfenbüttel. Doch schon bald fehlte es ihm an der rechten Motivation, weiterhin die Schulbank zu drücken. „Die geringe Freude an den alten Sprachen, leider wohl mit veranlasst durch nicht genügend Fleiß, erweckte in mir den Wunsch, die Schule zu verlassen. Mein Vater gab nur schwer seine Einwilligung dazu“, schrieb er später.

Da sein Sohn so gar nicht dem vorgezeichneten Lebensweg des Vaters folgen und ohne Abschluss das Gymnasium verlassen wollte, um stattdessen eine Kaufmannslehre zu beginnen, gab Hermann Wendebourg zwar widerstrebend, aber schließlich doch seinem Drängen nach. So wurde Eduard mit nicht ganz 16 Jahren in die Lehre der Kolonialwarenhandlung Zwintscher in Gotha gegeben. Zunächst war der junge Mann mit großem Eifer bei der Sache. Doch, von den Eltern getrennt, leidet er im ersten Winter schon an Heimweh und Kälte. Schon bald ist Eduard von selbst zu der Erkenntnis gekommen, dass eine solide Schulbildung wichtiger sei als eine Kaufmannslehre, die er nach einem Vierteljahr abgebrochen hat.

Mit Billigung des Vaters setzt er seine Schulstudien an der Königlichen reorganisierten Gewerbeschule Hildesheim, der späteren Oberrealschule, von Ostern 1874 bis Michaelis 1875, fort.

 

2. Das Architekturstudium

Nach dem Abitur studiert er das Fach Architektur an der Königlichen Technischen Hochschule zu Hannover (Oktober 1875 bis Dezember 1879). Der junge Student hörte hier mit Begeisterung die Vorlesungen des Altmeisters der Baukunst im Land Hannover, Conrad Wilhelm Hase ( *2.10.1818 Einbeck; + 28.3.1902 Hannover). Hase war nicht nur ein väterlicher Mentor, sondern ein langjähriger Freund der Familie.

 

In Wendebourgs Geburtsort entstand seit Anfang des 19. Jahrhunderts neben dem alten Dorf Lewe das zweite Dorf Liebenburg zu Füßen des Schlossberges. Nicht zuletzt durch die 1882 gegründete „Klinik Dr. Fontheim“ wuchsen beide Orte immer mehr zusammen. Für die stetig steigende Zahl der Gläubigen wurde die alte Kirche zu klein, so dass Pastor Hermann Wendebourg sie fast vollständig abtragen und durch einen Neubau ersetzen ließ. Als Architekt hatte er den Baurat Hase gewinnen können. Am 8. November 1863 vollzog Pastor Wendeborug die Weihe der neuen, aus Backsteinen im neugotischen Stil erbauten St. Trinitatis-Kirche. Auch nach Bauabschluss hat es den Architekten Hase immer wieder nach Lewe-Liebenburg gezogen. Seine zweite Frau ist in jener Gemeinde sogar geboren.

Hase hat in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland maßgeblich eine ganze Generation von Architekten stilistisch geprägt. Eine führende Rolle unter der begeisterten Schülerschaft nahm dabei ohne Zweifel der Ehmer Kirchenbaumeister Eduard Wendebourg ein. Der Student war damals, wie viele seiner Zeitgenossen, von dem „Virus“ der so genannten Neostile, die man auch unter dem Begriff „Historismus“ fassen kann, ergriffen worden. In jener Epoche (ca. 1830 bis 1910) erwachte in großen Teilen Europas (u. a. England, Frankreich, Deutschland, Österreich) das Interesse an den Baustilen vor allem des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Durch die schwärmerische Rückbesinnung auf die eigene nationale Vergangenheit kam es im deutschen Kirchenbau zu einer besonders lebhaften Auseinandersetzung mit den mittelalterlichen Baustilen Romanik und Gotik. Die Bauaufgaben der Architekten damaliger Zeit bestanden in zwei Tendenzen: einerseits der Bewahrung und Vollendung mittelalterlichen Bauens, andererseits der neuen Architekturschöpfung.

Als positive Folge dieser Wiederentdeckung mittelalterlicher Kunststile muss das Bestreben um die werkgetreue Vollendung des Kölner Doms und des Ulmer Münsters gesehen werden. Gerade in der Wiederaufnahme der Arbeiten an der unvollendet gebliebenen Kathedrale des rheinischen Erzbistums im Jahre 1848 und mit der Gründung des Kölner Dombauvereins erhielt die gotische Architektur eien vollkommen anderen Bedeutungsgehalt. Die gotische Formensprache wurde besonders in katholischen Kreisen als „die wahre christliche Kunst“ oder der „christliche Stil“ bezeichnet. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Gestaltung protestantischer Kirchen. 

Unter dem Gesichtspunkt der symbolischen Bedeutung des Lichtes in den christlichen Religionen sprachen die lichtdurchfluteten, hohen neugotischen Kirchenräume die Zeitgenossen mehr an als die massiv und eher schwer wirkenden, neuromanischen Gotteshäuser.

Im heutigen Wolfsburger Stadtgebiet können wir diese Entwicklung in allen möglichen Varianten greifen. So wurde in Hesslingen die St. Annen-Kirche grundlegend im neuromanischen Stil von Friedrich Maria Krahe (*1804; +1888) renoviert. In Ehmen war eine bewahrende Bauerhaltung aussichtslos, so dass hier 1896 die mittelalterlich-romanische St. Ludgeri-Kirche abgetragen und durch einen neugotischen Bau ersetzt wurde. In Nordsteimke hat sich die Gemeinde 1904 für einen Neubau des Kirchenschiffes mit Sakristei im neugotischen Stil entschieden, der vom Helmstedter Kreisbauinspektor Baurat Gaehlert ausgeführt wurde. Das mittelalterliche Turmwerk blieb hingegen erhalten.

Schließlich hatte der politische, gesellschaftliche und technische Wandel des

19. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Industrialisierung, Folgen für die Architektur. Dabei ist das rationell-ökonomische Moment eines neuen Kirchenbaus allgemein, und im Speziellen auch in Ehmen, nicht zu übersehen. Mit der maschinellen Herstellung von großen Stückzahlen gleich geformter Backsteine, entdeckte man diese Bautechnik, die einst im Mittelalter besonders in den Hansestädten, der Altmark und in Niedersachsen zum Einsatz kam, wieder neu.

Die Vervollkommnung der baustatischen Berechnungen führte zu vorgefertigten Bauelementen. Der Kirchenraum in Ehmen veranschaulicht in selten deutlicher Weise das Zusammenspiel zwischen gesuchter historischer Form und moderner Ingenieurbauweise. Wendebourg hat zwar die Außenwände und die Einwölbung des Chores sowie die Ausstattung in gotischen Formen gestaltet, den modernerem Empfinden entsprechend weiten Kirchensaal aber mit einem offenen Dachstuhl mit frei sichtbarem Tragwerk überspannt. Er folgt damit den Erwartungen der Kirchengemeinde an einen Architekten. Während im Mittelalter die Entwürfe der Bauarchitektur und die Gestaltung der Innenausstattung in den Händen unterschiedlicher Personen liegen, gehen zu Wendebourgs Zeiten nicht nur die Architektur, sondern auch die oftmals bis heute vorhandenen Ausstattungen, die Altäre, die Kanzel, der Taufstein, die Orgel oder die Glasmalereien, auf den Architekten zurück. Mit der weit tragenden Dachkonstruktion über dem Langhaus löst Wendebourg sich in Ehmen von seinen mittelalterlichen Vorbildern, die hier aus statischen Erwägungen wohl eine, allerdings nicht das ganze Kirchenschiff überspannende, Einwölbung gewählt hätten.

Die Fähigkeit, an historischen Bauten orientierte Neubauten zu erstellen und zugleich moderne Elemente der Neuzeit zu integrieren, hatte Wendebourg in seinem Studium bei Hase gelernt. Über diese Zeit äußerte er später: „Da die Hildesheimer Schule zur Zeit meines Besuchs derselben zum Eintritt in den Staatsdienst für das Hochschulfach noch nicht berechtigte, was weder meinem Vater noch mir bekannt gewesen war (erst später erhielt sie die Berechtigung, jedoch ohne rückwirkende Kraft), so waren mir auch die Staatsexamina verschlossen. Ich unterzog mich darum beim Abgange von der Hochschule dem Diplomexamen, das ich Ende des Jahres 1879 (am 19 .Dezember) bestand.“

In der hannoverschen Studienzeit kam die musische Prägung Wendebourgs immer wieder zum Ausdruck. Er besuchte Konzerte, Vorträge und Theatervorstellungen, um sich geistig fortzubilden.

 

Vom Bauführer zum selbstständigen Architekten:
           Bauen im Stil der Neoromanik und Neogotik

 

In den Jahren 1881 bis 1887 begann die praktische Arbeit als Bauführer. Zunächst leitet er die Neubauten der Kirchen zu Hanstedt (Insp.Pattensen) 1881/82 und zu Schönfeld (Prov. Sachsen) 1883/84. Dann wurde von 1885 bis 1887 der Wiederaufbau des durch einen großen Brand 1883 zerstörten Gotteshauses von Neuenkirchen (Kreis Melle) von ihm verantwortlich geleitet. Hier wohnte er im Haus der Witwe des verstorbenen Apothekers Wilhelm Niemann. Die einzige Tochter des Hauses, Julie, wurde seine künftige Lebensgefährtin. Am 22. Februar 1888 hat sich Eduard Wendebourg dann als selbstständiger Architekt niedergelassen. Als sich herausstellte, dass der Beruf nicht nur seinen Mann, sondern eine Familie ernährte, heiratete er am 5. März zu Neuenkirchen.

Im Laufe seiner langen Architektenlaufbahn, Wendebourg arbeitet bis in sein 82. Lebensjahr, hat er mehr als 200 Projekte durchgeführt: Neubauten, Erweiterungen, Umbauten, Restaurierungen, Renovierungen und Gutachten. Der überwiegende Teil seiner Bautätigkeit fällt in den Bereich des Sakralbaus. Aber auch einige Schulbauten sind unter seinen Aufträgen. Unter den Kirchenbauten finden sich nur wenige, die im neuromanischen Stil gestaltet wurden (u.a. Kirche Lemförde bei Diepholz, 1889-90/Kirche Liebenburg-Groß Mahner, 1893 / Kirchenschiff Hannover – Bothfeld, 1910). Der überwiegende Teil wurde im Stile der Neugotik errichtet. Zu den namhaftesten Gebäuden zählen: Kirche Gnarrenburg-Kuhstedt, 1892-93 / Kirche Liebenburg – Othfresen, 1894-95 / Kirche Warstade bei Bremerförde, 1897 / Kirche Hannover-List, 1904 / Kirche Hannover – Wülfel, 1909-11/ Lutherkirche Soltau 1911-12. Besonders hervorzuheben ist auch die Kirche in Meinersen-Päse (Lkr. Gifhorn). Bereits 1890 ließ die Gemeinde einen neuen, gotischen Kirchturm in Backstein errichten. Er besitzt eine große Ähnlichkeit mit dem Kirchturm der Kirche in Ehmen, so dass erst auf den zweiten Blick Unterschiede klar werden. Auch ein Gutachten über die Kirche in Sülfeld wurde von Eduard Wendbourg erstellt.

In Anerkennung seiner Verdienste als Architekt erhielt Wendebourg am 19. März 1906 vom Preußischen König Wilhelm II. (=Kaiser Wilhelm II.) den Roter-Adler-Orden 4.Klasse und am 30. Juni 1909 von der Kgl. Technischen Hochschule Hannover den akademischen Grad eines Diplomingenieurs verliehen.

Der I. Weltkrieg brachte die große Zäsur im Leben Eduard Wendebourgs. Sein ältester Sohn fiel, und nach dem Krieg blieben in wirtschaftlich schwerer Zeit der Weimarer Republik die Aufträge aus. So konnte er froh sein, das ihn der Ausschuss des Evangelisch-Lutherischen Gesamtverbandes der Stadt Hannover mit den fortlaufenden Überprüfungen der kirchlichen Bauten betraute. Mit dieser Aufgabe war der alternde Architekt bis in sein 82. Lebensjahr beschäftigt. 1939 zog er zusammen mit seiner Frau zu seiner in Bückeburg (Lkr. Schaumburg) verheirateten jüngsten Tochter, Erika Heidsiek, wo er am 22.10.1940 verstarb.