An(ge)dacht

Marienkrönungsaltar. Foto Dipl. Ing. Klemens Ortmeyer
Marienkrönungsaltar. Foto Dipl. Ing. Klemens Ortmeyer

Heilige

Die Rückführung des Marienkrönungsaltares aus der alten St. Ludgeri-Kirche in Ehmen ist Anlass für den Predigtzyklus 2017 „Die Heiligen. Ihre Bedeutung für protestantische und säkulare Spiritualität.“ Die Predigtreihe wird uns die Vita und Bedeutung verschiedener Heiliger der Kirchengeschichte veranschaulichen.

Zum Auftakt laden wir ein zu einem Gemeindeseminar mit dem Göttinger Kirchenhistoriker Prof. P. Gemeinhardt am 18.02.2017, dem 471.Todestag Martin Luthers. Dem Reformator wird auch die Predigt im Gottesdienst gewidmet sein, der den Seminartag beschließt. Wir feiern in diesem Jahr das 500jährige Reformationsjubiläum. Warum sollten wir ausgerechnet da über Heilige nachdenken? Gehörte nicht Martin Luthers Kritik an der Verehrung der Heiligen zu den Auslösern der Reformation und blieb eines der zentralen Themen, an denen sich die Geister schieden? Und es war wohl kein Zufall, dass Luther seine 1517 verfassten 95 Thesen, die sich gegen das päpstlich sanktionierte Ablasswesen richteten, am Tag vor Allerheiligen veröffentlichte.

Das neu erwachte Interesse an den Heiligen hat sicherlich zu tun mit der Suche nach Identität, nach neuen Leitbildern und vertretbaren Idealen, drückt die Sehnsucht aus nach einer ganzheitlichen glaubwürdigen Existenz. Heilige haben Konjunktur, gerade im Zeitalter globaler medialer Kommunikation. Das Leiden und Sterben von Papst Johannes Paul II. mündete in den Ruf „santo subito“, in die Forderung nach einer sofortigen Heiligsprechung. Auch für moderne, aufgeklärte Menschen ist die Vorstellung sehr wohl noch zugänglich, dass ein Mensch heilig, Gott nahe sein kann – im Leben, aber auch im Sterben.

Was es konkret bedeutet,  heilig zu sein, hat die Menschen in der Antike, im Mittelalter, wie zur Zeit der Reformation und bis in die Gegenwart umgetrieben. Auch evange- lische Christen stellen sich immer wieder ernsthaft diese Frage. Aber auch Vorbehalte gegenüber einer ultimativen Tugendhaftigkeit werden deutlich artikuliert, wie durch den Moralphilosoph Martin Seel: „In meinen Augen spielt die Figur des Heiligen in der Tradition der Moralphilosophie eine durchaus dubiose Rolle. Hier wird ein normatives Mitsicheinigsein erträumt, das für endliche Wesen weder erreichbar noch überhaupt wünschbar ist. Ich versuche demgegenüber, mir den guten Menschen als einen interessanten Menschen vorzustellen, der seine Ecken und Kanten hat und um den eigenen Widerspruch weiß. Falsche Ideale sind ethisch und politisch gefährliche Drogen.“

Auf jeden Fall wird man sagen können, dass die Beschäftigung mit den Heiligen in die Tiefe der Geschichte und in die Weite der Ökumene führt. Es öffnet sich der Horizont für Gottes Wirken in der Weite der vielen Kirchen und Konfessionen im Lauf der Geschichte bis in die Gegenwart. Dabei wird ein „konfessionsverbindendes Bild von Heiligen und Heiligkeit sich vermutlich weniger durch das Entwerfen von abstrakten Definitionen oder durch kalendarische Normierungen als vielmehr durch das gemeinsame Suchen und Entdecken von Leitbildern des Christlichen ergeben“ (P. Gemeinhardt). Sich der Zeugen des Glaubens zu erinnern tut gut. Es ent- grenzt historisch und geografisch und hebt uns über uns selbst hinaus. Gottes Gegenwart blitzt in konkreten Gaben, Menschen und Zeugnissen auf. In einem Franz von Assisi, einem Martin Luther, einem Maximilian Kolbe oder einem Dietrich Bonhoeffer. Und so kann die Beschäftigung mit den Heiligen auch mir deutlich machen, wie sehr auch mein Glaube nach Gestaltwerdung sucht, nach Rollen und Identifikationsangeboten.

Herzlichst,

Ihr Pastor Hartmut Keitel

Foto von ca. 1890, Altaraufsatz eingebaut in der Emporenbrüstung des alten Altarraumes
Auf einem Foto, das etwa 1890 entstanden ist, sieht man, dass der Altaraufsatz in die Emporenbrüstung des Altarraumes eingebaut worden war.

Der Altaraufsatz („Retabel“) besteht aus einem Mittelschrein und zwei seitlichen Flügeln. Schreinkasten und Flügel sind aus hartem Eichenholz, die Skulpturen und die Maßwerkornamente aus weicherem Lindenholz geschnitzt. Das Kunstwerk ist 96 cm hoch, der Mittelschrein hat eine Breite von rund 135 cm, jeder Flügel von 67 cm. An Werktagen blieben die Flügel geschlossen, für die Gläubigen waren also meist nur ihre Außenseiten sichtbar. Sie zeigten Malereien, die nicht erhalten sind. Wurden die Flügel an Sonn- und Festtagen während der Heiligen Messe geöffnet, konnten die Gläubigen die durch Maßwerkbaldachine ausgezeichneten acht Skulpturen vor goldenem Hintergrund sehen. Die Mitte des Schreins nimmt die Krönung Mariens ein: Die eigentliche Krönung ist bereits erfolgt, Christus wendet sich mit einem Segensgestus seiner als Königin in den Himmel aufgenommenen Mutter zu. Diese Szene flankieren links der heilige Ludgerus („Luider“) als Kirchenpatron und rechts eine Anna Selbdritt – die heilige Anna, ihre Tochter Maria mit Christuskind auf dem Arm haltend. In die Flügel sind links die heiligen Katharina und Margareta und rechts die Apostel Andreas und Matthäus eingestellt. Wann und wo der Altaraufsatz entstand, ist nicht bekannt.

Vermutlich wurde er gegen 1450 in Braunschweig geschaffen, einem der seinerzeit produktivsten Kunstzentren Norddeutschlands. Im Laufe seiner langen Geschichte erlitt der Altar schwere Schäden. So gingen die Malereien an den Außenseiten der Flügel verloren, und auch die Farbfassung der Skulpturen sowie des Schreins und des Maßwerks waren nur noch in geringen Resten erhalten. Um es vor seiner endgültigen Zerstörung zu retten, erwarb die preußische Provinz Hannover das Retabel 1908 nach dem Ersatz der alten Dorfkirche durch einen größeren neugotischen Bau vom Ehmener Kirchenvorstand für das Welfenmuseum, dem heutigen Landesmuseum in Hannover. Sorgfältige Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen des Retabels durch die Dipl.-Restauratorin A. Berg, Hannover, waren eine wichtige Voraussetzung für die Rückführung des Altars nach Ehmen. Seit dem 1. Advent 2015 ist der mittelalterliche Marienkrönungsaltar als Dauerleihgabe vom Niedersächsischen Landesmuseum Hannover an den Ort seiner Ehmer Herkunft zurückgekehrt, wo er nun in der neu erbauten Taufkapelle steht.